Aufauf „Tod und Trauer in der Schule“

Fachtagung in der Sparkassenakademie

Das Schlimmste passiert: Ein Todesfall in der Familie. Doch was erwartet die Hinterbliebenen? Aufmerksamkeit, Mitleid oder Business as usual? Mit Unterstützung durch die Sparkassen lud das Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein (IQSH) in die Sparkassenakademie Kiel zur Fachtagung ein. Thema: Tod und Trauer in der Schule.

Möglich gemacht hat diesen inzwischen dritten Fachtag ebenso wie den Druck einer umfassenden Handreichung (Broschüre) der Sparkassen- und Giroverband Schleswig-Holstein (SGVSH) mit einer Spende in Höhe von 50.000 Euro. „Wir haben diese Hilfe zugesagt, weil wir es für unsere gesellschaftliche Pflicht halten, Kinder zu fördern und nach Kräften zu unterstützen“, sagte Reinhard Boll, Präsident des SGVSH, anlässlich der Veröffentlichung der Handreichung.

Hanna Grenz vom IQSH und Martina Gripp vom Verein Trauernde Kinder Schleswig-Holstein konnten gut 100 teilnehmende Pädagogen begrüßen. „Die Beschäftigung mit dem Tod ist die Auseinandersetzung mit dem Leben“, so Grenz als Einstieg in das schwierige Thema des Umgangs mit Trauer bei Kindern und Jugendlichen.

„Was brauchen trauernde Kinder?“, fragte Martina Gripp, um sogleich selbst ein paar mögliche Antworten zu geben:
ehrliche Informationen und Antworten;
Gelegenheit, verstanden zu werden;
im Schmerz gesehen zu werden;
Sicherheit, Geborgenheit, Beständigkeit;
die Erlaubnis, fröhlich sein zu dürfen;
die Botschaft: Schön, dass du da bist.

In einem Impulsreferat ließ Mechthild Rathje vom Verein Trauernde Kinder die Zuhörer in die Sichtweise einer betroffenen Schülerin eintauchen, die – selbst erst 18 Jahre alt – ihre 16-jährige Schwester verloren hat und deren geordnetes Leben von einer Sekunde auf die andere aus den Fugen gerät:
„Dumpf. Kaffeekochen. Menschen. Eine Woche zuhause. Abitur. Gefühle in mir, die mich zermürben. Traurig. Fröhlich. Traurig, dass ich fröhlich bin. Wütend auf die Eltern, die Schwester, auf mich. Gefühlschaos.“

Hinterbliebene Geschwister seien oft doppelt betroffen, so Rathje. Sie würden auch die Eltern als nicht mehr verlässlich empfinden. „Wir Begleitenden müssen auf die Betroffenen zugehen, auch wenn wir selbst sprachlos sind“, empfiehlt sie. Und doch würde man zeigen, dass man als Gesprächspartner zur Verfügung stünde.

In sechs Workshops konnten die Teilnehmer sich in die Thematik einbringen. Themen: Wie kann ich in einem Trauerfall mit den Schülern kommunizieren?
Symbole und Rituale als Hilfestellung bei Tod, Trauer und Abschied im Schulalltag. - Das Alex-Modell. - Todesfälle  sind Herausforderungen, denen wir uns in besonderer Weise stellen müssen. - Umgang mit Krisen an der Schule. - Wie kann ich mit Schülern über das Thema Tod ins Gespräch kommen?

Susanne Baron, Pädagogische Leiterin im Flensburger Verein Lichtblick, der sich mit Suizid-Prävention beschäftigt, lud mit Sabine Schüller vom Verein Trauernde Kinder zum Workshop und stellte das sogenannte Alex-Modell vor, das sich für Schüler der achten Klasse eignet und drei Stunden Unterricht braucht. Dabei geht es um die Sensibilisierung für eine Krisensituation. Die zwölf Teilnehmer hörten dazu einen Dialog zweier Schüler. Einer der beiden hatte sich anscheinend verändert. Die Pädagogen sollten herausfinden, woran das zu erkennen war, sollten für die Nuancen sensibilisiert werden.

Alle 53 Minuten nehme sich jemand in Deutschland das Leben, alle fünf Minuten versuche es jemand. 366 Mal sei es allein 2012 in Schleswig-Holstein gelungen. „Dabei sollen in Schleswig-Holstein die Menschen bundesweit am glücklichsten sein“, so Baron. Doch Trauer sei nicht in ein paar Wochen abgeschlossen, erklärte sie. Sie könne Monate, sogar Jahre dauern und immer wiederkehren, je nach Persönlichkeit und Umstand des Todes eines geliebten Menschen. „Die Identität wird erschüttert“, so die Pädagogin, und bei Kindern und Jugendlichen, die diese erst finden müssten, führe ein Trauerfall zur manchmal existenziellen Krise.

„Manche Kinder ziehen sich zurück, manche werden aggressiv. Meist lassen sie Gefühle nebeneinander zu, können weinen und lachen.“ Das irritiere Erwachsene oft, so Baron. Um helfen zu können, bedürfe es geschulter ehrenamtlicher Mitarbeiter in den Schulen. „Wir wollen den Betroffenen ein Stück Zeit schenken“, gab die Pädagogin mit auf den Weg.

www.trauernde-kinder-sh.de
Trauernde Kinder Schleswig-Holstein e.V.
Lerchenstraße 19 a, 24103 Kiel
Tel. 0431 2602051